Der Puppenspieler aus Mexiko


Interview mit Guillermo del Toro zu „Hellboy – Die Goldene Armee";
Filmstart: 16.10.

Er wurde 1964 im mexikanischen Guadalajara geboren, studierte Maskenbild bei Oscar-Preisträger Dick Smith und gründet später mit Necropolis seine eigene Firma für Spezialeffekte. Für sein Debüt „Cronos" gewann Guillermo der Toro 1993 in Cannes den Kritikerpreis sowie neun mexikanische Academy Awards. Zum großen Erfolg avancierte „Pans Labyrinth", der 2006 für sechs Oscars nominiert war und drei Trophäen abräumte. Zuvor drehte er neben „Mimic" und „Das Rückgrat des Teufels" die Fortsetzung „Blade II" und inszenierte 2004 den ersten „Hellboy", der auf den Dark Horse Graphic Novels von Mike Mignola beruht. Nun folgt die Fortsetzung des Höllenbuben: Größer, böser und fantastischer. Mit dem Regisseur, der bereits an „Hobbit" arbeitet, unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald.

Doppelpunkt: Warum hat die Fortsetzung von „Hellboy" so lange gedauert?
Del Toro: Der erste „Hellboy" wurde im Kino nicht richtig vermarktet, der Gewinn war gering. Erst die DVD entwickelte sich zum enormen Erfolg. Wo Geld lockt, lässt die Fortsetzung nicht lange auf sich warten. Doch plötzlich existierte das Studio nicht mehr. Wir haben den Stoff überall angeboten, aber man wollte das Budget um 10 bis 15 Millionen kürzen. Das war unmöglich, und wir haben also immer abgelehnt. Universal war schließlich unsere letzte Möglichkeit – und dort hat es geklappt.
Doppelpunkt: Wie viel kreative Freiheit haben Sie bei Ihren Projekten?
Del Toro: Ich habe nur bei „Mimic" erlebt, dass man sich in meine Filme eingemischt hat. Selbst bei einem kommerziellen Projekt wie „Blade 2" konnte ich tun, was ich wollte. Man muss allerdings dafür kämpfen. Dieses Kämpfen habe ich durch meine furchtbare „Mimic"-Erfahrung gelernt. Ohne Kämpfen ging es selbst bei „Pans Labyrinth" nicht, wo aus finanziellen Gründen Szenen wegfallen sollten. Ich kann mir keine Dreharbeiten vorstellen, wo sich alle einig sind.
Doppelpunkt: Wie schwierig ist es, in diesem harten Geschäft sich sein inneres Kind zu bewahren?
Del Toro: Das ist sehr einfach, wenn man die richtige Motivation für seine Arbeit besitzt. Es dürfte schwierig werden, wenn man nach einer Karriere schielt – diese Gefahr ist bei mir relativ klein, meine Agenten drängen mich jedenfalls immer zu völlig anderen Projekten als ich sie dann mache. Aber ich stecke lieber beim Geld zurück als bei meinen Ideen. Selbst bei ‚Hellboy 2’ hätte ich auf die Hälfte meiner Gage verzichten müssen, wenn ich das Budget überschritten hätte. Damit kann ich leben!
Doppelpunkt: Was interessiert Sie an einem ungewöhnlichen Helden wie „Hellboy"?
Del Toro: Ich wollte einen Film machen, bei dem der Bösewicht mehr moralische Substanz besitzt als die Guten. Der Prinz hat seine klaren Prinzipien. Während Hellboy sich wie ein großes Baby verhält. Auch Liz und Abe verraten ja die ganze Welt für die Leute, die sie lieben. Mich fasziniert die Idee, einen Superhelden-Film zu drehen, der gegen den Strich gebürstet wird.
Doppelpunkt: Ist die Zeit der Superhelden im Kino abgelaufen? „Hancock" ist Ihrem Beispiel ja gefolgt und zeigt den Helden als Versager.
Del Toro: Das Genre der Superhelden wurde aus den Pulp-Fiction-Romanen geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg und in der Zeit des Kalten Krieges bestand ein großes Bedürfnis nach überdimensionalen Helden, gut und böse waren klar verteilt. Heute sieht die Welt anders aus, die Leute glauben nicht mehr an ein schlichtes schwarz und weiß. Entsprechend komplex fallen nun die Superhelden aus – und „Watchman" steht ja bereits in den Startlöchern, das wird sicher ein sehr komplizierter Film. Das Buch ist eine der besten Graphic Novels, die es gibt.
Doppelpunkt: Sie verzichten vielfach auf digitale Effekte und setzten auf Masken und Animatronics – sind Sie der Puppenspieler von Mexiko?
Del Toro: Diese Art von Animation ist zwar eine sehr teure und schwierige Kunst, aber sie sollte auf jeden Fall am Leben erhalten werden. Wenn ich die Wahl zwischen real und digital habe, werde ich mich immer für real entscheiden, digital ist für mich immer nur die letzte Möglichkeit.
Doppelpunkt: Warum dieser Vorzug für real?
Del Toro: Reale Animation verleiht dem Film eine ganze andere Textur. Und im Genre-Kino gehört die Form zum Inhalt dazu. Wir Regisseure sind die Illustratoren. Wie bei einem Comic sind die Zeichnungen so wichtig wie die Geschichte. Nehmen Sie nur die verschiedenen Versionen, die es von „Aladdin" gibt – jede davon ist eine völlig andere Erfahrung.
Doppelpunkt: Das klingt fast nach Ablehnung digitaler Effekte?
Del Toro: Nein, beide Methoden liegen mir sehr. Ich hatte früher ja selbst eine Firma für digitale Effekte. Die Leute machen beim Vergleich computergeneriert und reale Effekte oft die Unterscheidung „gutes" und „schlechtes" Handwerkzeug, aber das trifft die Sache nicht. Man kann einen Schraubenzieher ja auch nicht mit einem Hammer vergleichen – es kommt immer auf die Aufgabe an .
Doppelpunkt: Frauen spielen bei „Hellboy" eine immer größere Rolle, Schwangerschaft inklusive – ist das der neue Trend fürs Genre?
Del Toro: Ursprünglich hatte ich schon bei „Mimic" die Idee, dass die Heldin von ihrer Schwangerschaft weiß. Eine schwangere Action-Figur finde ich faszinierend. Frauen, die auf männlich getrimmt werden, gefallen mir nicht, da wird feminine Stärke nur gefälscht. Sigourney Weaver in „Alien" ist ein wunderbares Beispiel für eine weibliche Superheldin. Das Genre hatte bislang nicht sehr viele Frauenrollen, aber das ändert sich inzwischen erheblich.
Doppelpunkt: Wie kam es zur deutschen Figur des Johann Krauss?
Del Toro: Krauss ist für mich die perfekte Verkörperung eines Bürokraten. Auch wenn ihn Hellboy für einen Deutschen hält, ist Johann in Wirklichkeit ein Österreicher – was er in einem Dialog einmal ganz klar feststellt. Aber Hellboy hat eben so seine Erfahrungen von früher mit den Deutschen.
Doppelpunkt: Wie haben Sie die „Mimic"-Erfahrungen verarbeitet?
Del Toro: Man kann ja auch aus Niederlagen etwas lernen. Das war eine furchtbare Erfahrung, aber sie war eine nützliche Basis für meine weitere Arbeit. Bei diesem Projekt ging alles von Anfang an schief, das Studio und ich haben zwei ganz verschiedene Filme gemacht. Ich wollte „Mimic" und sie wollten „Alien 3 ½". Ich wollte einen Film ohne Schießerei, Explosionen und ein Happy-End. Am Ende hatte ich genau das! Ich liebe 80 Prozent von „Mimic" – und den Rest hasse ich.
Doppelpunkt: Wie wird der „Hobbit" aussehen?
Del Toro: Im Augenblick schreiben Peter Jackson, Frances Walsh, Philippa Boyens und ich das Drehbuch. Wir entwickeln die Struktur und diskutieren, wie viel wir vom Buch übernehmen können. Das wird viele Monate in Anspruch nehmen, gleichzeitig entwerfen wir aber bereits das Design. Die ersten Entwürfe der Kreaturen gibt es schon, doch diese Phase wird noch 1 ½ Jahre beanspruchen.
Doppelpunkt: Wer wird mitspielen?
Del Toro: Bislang steht nur fest, dass Ian McKellen und Andy Serkis dabei sein werden.

Dieter Oßwald

Stand: 15.10.2008

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